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Samstag, 22. März 2008

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Frage der Woche: Arm, aber sexy. Reicht das für Berlin?

Berlin ist auf die Zukunft besonders gut vorbereitet

Gert G. Wagner

Samstag, 22. März 2008

Drei Ts sollen Städte attraktiv und zukunftsträchtig machen: Technologie, Talent und Toleranz. Gemessen daran soll laut Roland Berger – einem Münchner – Berlin nur auf Platz fünf der deutschen Großstädte liegen. Nur bei der Toleranz liege die Hauptstadt an der Spitze. Besonders an Technologie, aber auch an Talent soll es Berlin mangeln. Falscher kann eine Studie kaum liegen.

Gert G. Wagner ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Berlin.

Da es in Berlin kaum noch Industrie gibt, liegt die Feststellung eines Mangels an Technologie nahe. Aber ist der von den großen Industrieunternehmen geprägte Münchner Blick auch langfristig noch sinnvoll? Dass es in Berlin – vor allem im neuen Osten – eine vitale Jugendkultur gibt, weiß jeder Fernsehzuschauer. Weniger bekannt, aber mindestens so wichtig und für die künftige Entwicklung der alternden Gesellschaft vorbildhaft sind die vielen alt werdenden und älteren Leute, die man gerade im Westen der Stadt zuhauf findet. Die "Wilmersdorfer Witwen", die im Musical "Linie 1" auftreten, sind ja – ob ihrer Intoleranz – fast schon sprichwörtlich geworden.

Die "Kreative Klasse" wird anders altern – aber auch sie altert. In einer insgesamt älter werdenden Gesellschaft wird das ganz neue Produktivität entfalten. Berlin wird lange durchhalten, da es eine Modellstadt für die Alterung der Gesellschaft ist. Vielleicht nicht in Ostberlin, aber ganz sicher im Westen, der in den Medien – von den vielen Journalisten, die sich im Osten niedergelassen haben – völlig unterschätzt wird.

Sicher: ganz Berlin ist etwas abgewetzt. Aber welche Weltstadt ist das nicht? "Arm, aber sexy", das gilt doch auch für die meisten Stadtteile in New York, Paris oder London. Von den asiatischen Metropolen ganz zu schweigen. Und da es in den Metropolen der Welt mehr Arme als Reiche gibt, können in den wirklichen Metropolen auch die Armen vergleichsweise gut leben. Wer möchte aber in Hamburg oder München arm sein? In der Provinz – sei sie ländlich oder städtisch – war arm sein schon immer ein Makel. In Berlin gehört Armut dazu. Zumal die heruntergekommene öffentliche Infrastruktur alle eint – zum Beispiel durch mehr Schlaglöcher auf den Straßen. Ganz wie in Manhattan.

Laut New York Times ist Berlin die europäische Stadt, die am meisten "bombed" ist. Ein - laut NYT – Slangausdruck für Graffiti-Kunst an Wänden. Ob das so ist? Keine Ahnung. Aber es gibt in der Tat sehr viel Graffiti in der Stadt – und es würde einem etwas fehlen, wenn die Sprayer nicht mehr aktiv wären oder das Sprühen wirklich verboten würde. Auch wenn man sich als älterer Bürger gelegentlich über Graffiti ärgert: wenn man es sieht fühlt man sich jünger als man ist.

Die meisten Westberliner sind ja keine gebürtigen Berliner. Und doch ist den meisten Bewohnern die in der Tat etwas raue Art "des" Berliners vertraut. Zum Beispiel für einen Hessen, der in und um Frankfurt am Main herum aufwuchs und studierte, ist die manchmal schroffe Berliner Art leicht zu ertragen. Wenn das einem Kind des Ruhrgebiets, wo der Umgangston ja noch handfester ist als in Frankfurt, nicht gelingt, muss dies ganz persönliche Gründe haben. An Berlin kann es jedenfalls nicht liegen.

West-Berlin ist ein Mikrokosmos der in Toleranz alternden Gesellschaft und der dazugehörenden Talente und Technologie. Hier sitzt die Verwaltungszentrale der Deutschen Rentenversicherung, die jede Menge Arbeitsplätze bringt. Und es gibt viele Museen; zu denen auch das Schmuckstück für Verkehr und Technik gehört, das dem heruntergekommen "Deutschen Museum" in München sicherlich bald den Rang abgelaufen haben wird. Auch der – mindestens ebenso wie der Englische Garten bunte – Tiergarten liegt im Westen. Durch den Ausbau des angrenzenden Regierungsviertels und durch den Potsdamer Platz gewinnt er zunehmend eine Bedeutung wie der Central Park in New York. Wem der Tiergarten nicht genug Erholung in der Natur bietet, dem steht nicht nur der Grunewald zur Verfügung, sondern auch jede Menge Wasserfläche zur Naherholung.

Berlin ist eine ungewöhnlich grüne Metropole, da viele Bäume auf den breiten Straßen stehen. Dass diese so breit sind wie sie sind – Frankfurt und München sind dagegen von regelrechter Enge geprägt –, liegt zwar nur daran, dass der Kaiser Angst vor einer Revolution hatte und die Strassen so breit sein mussten, dass im Falle "innerer Unruhen" die Armee in feldmarschmäßiger Formation durchgepasst hätten. Aber dieses wenig edle Motiv der Städteplanung muss uns heutzutage nicht mehr stören. Wer jenseits des Spree-Athens noch mehr Natur will ist in kürzester Zeit an der Ostsee. Die ist deutlich größer als die bayrischen Seen!

Das Angebot an Geschäften und Läden ist in Westberlin längst multikulturell geworden: der teure Obst- und Gemüseladen "Früchte Paradies" am Breitenbachplatz – wo das vornehme Dahlen beginnt – ist schon in der zweiten Besitzergeneration in mediterraner Hand. An der gutbürgerlichen Einkaufsmeile der "Schlossstrasse" ist mit "Falafel Baba" der beste libanesische Schnellimbiss der Stadt zu finden, wo tagsüber auch ältere Damen gerne ein Sandwich auf die Hand kaufen.

Die Westberliner Restaurants und Kneipen bieten zusätzlich nachhaltig Lebensqualität für das alternde Publikum. Nicht in Kreuzberg, sondern im bürgerlichen Wilmersdorf ist das älteste noch funktionierende Kneipenkollektiv zu finden: die Straßenbahn, die neuerdings übrigens Andechser Bier ausschenkt, das ja bekanntlich aus Bayern, aber nicht aus München kommt. Die Haare trägt man(n) in der Straßenbahn noch immer etwas länger. Vor dem kleinen Biergarten stehen die Maschinen der Motorradfreaks, aber auch die sind inzwischen ganz friedlich.

Im Laufe des Abends kommt – wie sich das für eine Zeitungsmetropole gehört – der Zeitungsverkäufer vorbei, der natürlich nur den Westberliner Tagesspiegel, aber nicht die am Alexanderplatz gemachte "Berliner Zeitung" anbietet. Gelegentlich wird auch die "taz" verkauft, die auch im Westen produziert wird. Und seit einigen Wochen hat der Verkäufer auch die "Süddeutsche" im Angebot. Jetzt müsste man nur noch den "Strizz" aus der Frankfurter Allgemeinen schon am Vorabend in der Kneipe lesen können. Was wollte man da mehr?

In Steglitz – in der Nähe der Künstlerkolonie liegend, die seit den zwanziger Jahren preiswerten Wohnraum für Kunstschaffende bietet – kann man mit dem Gang zur Eckkneipe "Sterntaler" eine echte Zeitreise in die siebziger Jahre machen. Hanne, der Wirt, spielt die Musik dieser Zeit und in den Teppichen, die – dem Zeitgeist der siebziger gemäß – den Dielenboden schmücken, hängt auch noch nach dem Rauchverbot kneipentypischer Tabakgeruch. Er hatte ja 30 Jahre Zeit sich darin zu sammeln und wird auch ohne Nachschub noch einige Jahre durchhalten. Wer Billard spielt, muss noch Mark haben, damit der Billardtisch die Kugeln ausspuckt. Hannes hält natürlich DM-Münzen bereit und wechselt zum günstigen Kurs von 2 Mark für einen Euro. Was den Sterntaler zum Modell der deutschen Zukunft macht: das Stammpublikum altert zusammen mit dem Wirt – aber es finden immer wieder junge Leute in die Kneipe.

Zurück zu Talenten und Technologie. Berlin hat in der Tat kaum noch Industrie und dazugehörige Ingenieure zu bieten. Dafür ist Berlin aber bei modernen Dienstleistungen – und darauf kommt es wirklich an - sehr gut aufgestellt; etwa im Bereich der Medien und der Eventindustrie. Zu den modernen Diensten gehören in der alternden Gesellschaft auch die Gesundheitstechnologie und -wirtschaft. Auch für diese arbeitet die Kreative Klasse. Das ist keine hippe Tätigkeit, und sie steht nicht jeden Tag in der Zeitung. Aber Dienste und Technologien für alternde Menschen werden auf einen immer größeren Bedarf stoßen. Dieser will auch wissenschaftlich vorbereitet sein. Und da hat Berlin jede Menge Institute und Krankenhäuser zu bieten, die sich mit der Alterung beschäftigen. Am Max Planck Institut für Bildungsforschung ist sogar – im Westberliner Zehlendorf – eine der weltbesten Gruppen für Alternsforschung tätig. Unsere Hauptstadt ist für die alternde Gesellschaft und deren Kreative Klasse bestens gerüstet.

Berlin ist vorbei

Frank Goosen

Samstag, 22. März 2008

Berlin ist zwanzigstes Jahrhundert. Also eigentlich schon vorbei. Das will nur keiner wahrhaben.

Im letzten Jahr veröffentlichte der Autor dieser Zeilen (man schreibt ja so ungern "Ich") einen Roman, in dem ein rüstiger Mittvierziger nach zwanzig Jahren Exil von vier Freunden aus einem versifften Loch in Berlin Kreuzberg zurück ins Ruhrgebiet geholt wurde, um eine Hardrock-Band zu gründen. Dieser Umstand hat mindestens einen Kritiker geradezu schockiert: Aus Berlin weggehen, nachdem man sich erstmal dorthin geflüchtet hat? Ins Ruhrgebiet? Schwer vorstellbar. Unrealistisch. Science Fiction.

Frank Goosen ist Schriftsteller und lebt im Ruhrgebiet.

Wer in den Neunzigern Romane mehr oder weniger junger deutscher Autorinnen und Autoren las, findet heute noch mit verbundenen Augen den Weg durch Prenzlauer Berg. Ständig bog irgendjemand von der Kastanienallee in die Schönhauser (keine Ahnung, ob man das kann, aber es geht um das Prinzip) und traf komische, melancholische oder durchgeknallte Typen. Einem Satz wie "Ich lief die Viktoriastraße hinunter und bog hinter der Brücke in die Alte Hattinger ein", wird nicht das gleiche Ausmaß an Sex-Appeal zugesprochen.

Wer von außen drauf guckt und wer nicht hierhin geflohen ist, um sich der Bundeswehr zu entziehen oder günstig an Drogen zu kommen, dem erscheint Berlin bestürzend provinziell. Der Berliner ist mit sich selbst beschäftigt wie sonst nur der Kölner.

Und begreift sich dabei oft gar nicht als Berliner. Letztlich ist Berlin eine Anhäufung von Dörfern, in denen lauter Dorfköpfe wohnen, die in ihren Köpfen nur Kopfdörfer bewohnen. Vor einigen Jahren war ich mal auf einer Hochzeit, die im chinesischen Teehaus im englischen Garten gefeiert werden sollte. Klingt nach München, gibt es aber auch in Berlin, und zwar im Stadtteil Tiergarten, unweit der Siegessäule. Der Taxifahrer hatte das gemacht, was der Berliner Kollege Horst Evers (den ich überaus schätze, der aber auch nicht ursprünglich aus Berlin kommt, sondern aus dem temperamentvollen Niedersachsen) einmal mit den Worten beschrieb: "Der setzt dich irgendwo ab und sagt: Is dahinten!"
Nun, da hinten war nix, also sprach ich eine Frau auf der Straße und fragte sie: "Können Sie mir sagen, wie ich zum chinesischen Teehaus im englischen Garten komme?" Die Frau blickte mich mit schreckenstarren Augen an und stieß hervor: "Det is nich mein Bezirk!" Nach dem Motto: Ick weeß dit, aber ick sare dit nich, weil: ick bin hier nich zuständich!
Berlin – Weltstadt im Scherz!

In Berlin hat Elend immer so etwas Pittoreskes. Da hockt man als vermeintliche Kulturelite gerne mal in heruntergekommenen Ladenlokalen mit abblätternden Siebziger-Jahre-Ostblock-Tapeten und lauscht harmlosen Alltagsbeschreibungen blasser Mittzwanziger, die seit Jahren ihr Studium abbrechen, und jazzt das alles hoch zu Zeugnissen einer neuen Bohème.

Wer einwenden möchte, dass der Autor dieser Zeilen auch nichts anderes als harmlose Alltagsbeschreibungen hinklirrt, dem sei gesagt: Stimmt. Aber er weiß es auch. Die Verkoofe stimmt also in Berlin. Arm, aber sexy – darauf hätten wir bei uns in der Gegend kommen sollen. Arm sind wir auf jeden Fall. Wer Elend sucht, dem können wir einige hübsche Flecken zeigen. Schönsaufen geht immer. Hat doch in Berlin auch geklappt.

Also, macht es wie der Mann im oben genannten Buch: Kommt in die europäische Kulturhauptstadt 2010! Das Berlin des 21. Jahrhunderts.

pro

Mittwoch, 02. April 2008, 15:40:46

albert feldmann: Access all areas - Das ewige Versprechen

beide herren, die sch hier als experten auessern, verkennen berlin.

berlin hat keine richtung. bietet keine orientierung. berlin ist ein ewiges puzzelspiel auf dem boden ausgebreitet, wo alles moeglich ist. berlin ist ein kindergarten ohne aufsichstpersonal.
wer es hier schafft, schafft es allein aus sich heraus. wer es hier nicht schafft, den braucht das auch nicht zu kuemmern.

in berlin sind alle tueren immer offen. du kannst jeden treffen, jeden kennenlernen und kommst ueberall hin. - nur wo du dann bist, ist irrelevant, denn in dieser flachen stadt, die keine unterschiede macht, ist jeder ort ein ausgangspunkt. ankunft ist nie. deshalb ist berlin die interessanteste stadt deutschlands. sie ist in gewissem sinne sogar deutschlands einzige stadt.

ob berlin ihr versprechen jemals einloesen wird, ist fraglich. wer genau weiss, was er in berlin machen will, soll kommen. wer das nicht so richtig weiss, geht besser dahin, wo roland berger sagt. - er wird allerdings das beste verpassen.


neutral

Samstag, 29. März 2008, 17:27:31

Peer Schmidt-Paulus aus Berlin: Was ist eigentlich eine Großstadt?

Lieber Lutz Jansen,
Sie haben völlig Recht! Mea culpa, mea maxima culpa. Neben Berlin gibt es in Deutschland gemäß der einschlägigen Definitionen noch 81 Großstädte. Somit ist Berlin die 82.
Dann machen wir es anders:Die Einwohnerzahl von Metropolen liegt zwischen 1 und 10 Millionen. So weit Wikipedia.

Berlin ist also eine Metropole. Und ob der gemeine Neuköllner intelligenter oder weniger intelligent ist als der gemeine Gelsenkirchener? Wen interessiert das schon. Wessi bleibt Wessi. Und dazu gehört der Hannoveraner auch. Dann reden wir eben noch über drei Städte in Deutschland: Hamburg, München und Berlin. Gerne, aber nicht über Bezirke von Metropolen.
Wie Gelsenkirchen, Hannover oder Herne.


pro

Samstag, 29. März 2008, 14:57:21

Torsten Thierbach:

Wozu soll es eigentlich reichen? Was soll Berlin werden, das es noch nicht ist und wieso?

Berlin ist kein Wirtschaftsstandort für high-potentials. Und??? Berlin war schon immer eine Stadt der Kultur und des Lebens.

Die Stadt ist nicht stolz auf seine Armut und übrigens auch dabei sein Haushalt zu neutralisieren. Der Grund für die wirtschaftliche Schieflage ist nicht die Faulheut und "Pumpmentalität" der Berliner sondern eine unverantwortliche Bankkrise und 50Jahre Kalter Krieg. Diese Zeit war durch den Abzug des Großteils der Industrie in den Westen Deutschlands gekennzeichnet, wofür die Stadt nix kann!!!
Dennoch ist Berlin Symbol für die moderne Gesellschaft und die Zukunft. Trends werden hier gelebt und auch geboren. Berlin hat viele Epizentren, Ecken und Kanten, Gegensätze, Kontraste und somit Vielfalt. Das macht es so urban und lebenswert, im Unterschied zu andern Metropolen und Großstädten die so steril wie ein Krankenhaus sind.


contra

Samstag, 29. März 2008, 13:44:12

B. Hoffmann aus egal: Wieso gehen "Kreative" gerne aus?

Ich bin nicht ganz sicher, was Sie mit "kreativ" meinen. Normalerweise haben Kunst- oder Kulturschaffende für so einen Quatsch überhaupt keine Zeit, weil sie mit "Kreativ-sein" völlig beschäftigt sind.


contra

Donnerstag, 27. März 2008, 17:39:09

Alfredo di Stefano aus Saarbrücken: Überbewertet...stillos...dem Massentourismus verfallen

Berlin war vor der Wende stillos und überbewertet und ist es seitdem geblieben. In keiner europäischen Metropole laufen die Leute so stillos herum wie in Berlin, kaum irgendwo in Europa isst man so schlecht, kleidet man sich so konventionell...

So öde wie Berlin-Mitte an Ostern, so miefig wie die Museen und so altbacken wie die Berliner Schickeria geht es nicht einmal östlich der Spree zu.
Berlin ist ein einziges Missverständnis: Hauptstadt des Holocausts, Geburtsstätte des Wilhelmismus, Kristallationspunkt des Kennedy-Kitsch-Kultes...eine Stadt, die den Bürgermeister hat, den sie verdient: und das ist gut so!


neutral

Mittwoch, 26. März 2008, 10:11:37

Christian Kremp aus Mainz: Warum

Ich empfinde diese Diskussion und Studie als nicht sonderlich sinnvoll, Selbsterfahrung einer Stadt ist unersetzlich. Nur wer dort wohnt oder dort lebende Menschen besucht, der kann die Stadt kennen lernen. Menschen die wegen eines Kultur-, Wirtschafts-, oder sonstwie gearteten Index in eine Stadt ziehen, kann ich nicht ernst nehmen.

Überhaupt kann ich hier in der "Diskussion" nur Lokalpatriotismus feststellen, der eher dem eigenen Selbstwertgefühl zugeschrieben werden kann.

Dazu noch: "ich mag Mainz ganz einfach aus dem Bauch heraus."


contra

Dienstag, 25. März 2008, 21:50:12

Lutz Jansen aus Hannover: Was soll das heißen ?

Lieber Peer Schmidt-Paulus !

Da verwechseln Sie leider Masse mit Klasse. Gelsenkirchen mag 2/3 so groß sein wie Neukölln (ich kanns nicht nachprüfen, aber wird schon stimmen) - und das heißt ... was ? Sind die Neuköllner um 1 Drittel gebildeter oder klüger oder schöner ?

Wo Sie Ihre Definition von "Großstadt" herhaben weiß ich auch nicht. Auf Dauer gehen einem die Minderwertigkeitskomplexe der Berliner, die anscheinend permanent durch neue Rekord-Statistiken kompensiert werden müssen, doch etwas auf den Geist.
Ihre Vorstellung vom Rest der Deutschen Bevölkerung - natürlich lauter Provinzler - zeigt letztenendes besser als alles andere, wie provinziell Berlin tatsächlich ist.


pro

Dienstag, 25. März 2008, 10:29:26

Peer Schmidt-Paulus: Der Wessi war schon vor der Wende ein Wessi

Lieber Frank Goosen,
dass Sie - aus einem kleinen Nest im Ruhrgebiet - in der einzigen Großstadt Deutschlands den Überblick verlieren, wen wunderts. Klar doch: der Berliner kennt nur seinen Kietz. Und der ist in der Regel doppelt oder dreifach so groß wie das, was sich im Ruhrgebiet schon Stadt nennen darf (Gelsenkirchen ist nicht einmal 2/3 so groß wie Neukölln).

Insofern sehe ich Ihnen die Irritation darüber nach, dass der Berliner eben nicht seine ganzen 900 Quadratkilometer mit überblickt, denn der Ruhrpottler residiert eben gerade mal in seinem eigenen Kietz, genannt Stadt. Da weiß man schon, wo der Hauptbahnhof ist... Und diese Sorte von Verständnis nannten wir in Berlin-West (ich bestehe auf dem Bindestrich) eben Wessis. Die waren - und sind - aus dem tiefsten Frieden gekommen, staunend durch die Strassen marodiert, mit großem Ahhh und Ohhh: Großstadt. Und irgendwann hat man eben eine Überdosis Großstadt gehabt. Wie Sie. Und die Flucht ins Dorf sehe ich Ihnen nach. Ehrlich!


neutral

Dienstag, 25. März 2008, 00:43:14

Sascha-Andre´ Liehr aus Berlin: Alt ..., Älter..., Gert G. Wagner !

Gert G. Wagner hat im Zusammenhang seiner Berlin Einschätzung 14-mal das Wort alt, älterwerdend, alternd und verwandte Abwandlungen gebraucht. Hinzu kamen Hinweise auf die "Verwaltungszentrale der Deutschen Rentenversicherung".

Gert G. Wagner konterkariert damit den Posten des Pro-Berlin-Statements auf unerträgliche, geriatrische Weise. Man könnte ebensogut Dieter Thomas Heck nach den neuesten Trends aus Electro, House oder Hip Hop befragen.

Die Auswahl Gert G. Wagner´s als Berlin-Befürworter zeigt einmal mehr, wie rückständig und präzisionslos die FAZ im Umgang mit dem Thema Berlin dasteht. Sie reiht sich ein, in eine seit Jahren immer peinlicher werdende Betriebsblindheit und nimmt groteske Züge an.


neutral

Montag, 24. März 2008, 21:13:57

Manuel Arens aus München: Der Reflex mit Bayern

Ein Münchener würde sich nie damit erklären, warum es im Vergleich mit Berlin besser abschneide. Bei Berlinern wie dem Autor Gert G. Wagner scheint dieser Vergleich auch immer Reflexartig mit der Selbstdefinition einherzugehen. Das ist offenbar ein Komplex.


neutral

Montag, 24. März 2008, 19:20:25

TOBIAS RÜGER aus eigentlich Berlin, jetzt Frankfurt: Gefräßiges Mittelmaß

Berlin hängt am Tropf. In jeder Hinsicht, denn die Berliner bringen letztendlich weder wirtschaftlich noch kulturell besonderes hervor. Würde der Zufluss an Geld (und Privilegien wie Regierungssitz) gestoppt, Berlin wäre nur noch Degeneration.

Berlin, dass mit der durch preußische Kanonen erzwungenen Reichsgründung groß wurde, wird sich aus eigener Kraft nie wieder aufrappeln können, wird auch im 21. Jahrhundert auf Ausbeutung der aktiven Landesteile angewiesen sein. Vielleicht sollte man das Berlin ab und an spüren lassen. Wowereit und Konsorten stünde nämlich etwas mehr Dankbarkeit gut zu Gesicht.


pro

Montag, 24. März 2008, 18:37:16

Sascha-Andre´ Liehr aus Berlin: Reich an Mythos & sexy zugleich

Es gibt viele erfolgreiche, effizient arbeitende Städtchen rund um den Globus. Toronto, Osaka, Frankfurt, Singapur & wie sie alle heißen können alle ein gesundes BIP pro Einwohner vorweisen. Und dennoch fehlt Ihnen allen eines, Bedeutung, Mythos, Charisma.

Berlin ist das Rom des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte Berlins ist ein Monument unserer westlichen Zivilisation. Berlin ist die Kapitale & Repräsentant der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde. Berlin ist Ort der Sehnsucht für Künstler aus aller Welt. Berlin ist das neue New York. Berlin wird das Hollywood Europas. Berlin IST die Seele Europas.

Die Wiedergeburt Berlins ist erst 18 Jahre her. In ökonomischer Hinsicht ist die Metropole gewissermaßen ein Teenager, der gerade seinen Kinderschuhen entwachsen scheint.
Wenn es dennoch eine Stadt in der Europäischen Union gibt um die man sich in den nächsten 20 Jahren keine Sorgen machen muss, dann ist es Berlin.


neutral

Montag, 24. März 2008, 16:16:35

Andreas Noreikat aus Essen: Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

Früher war Berlin (für die Westler) Front- und Amüsierstadt: "Kommt mal Kinder, wir fahren in den Zoo !"
Das ist heute ähnlich.

Heute wird die Melange aus Rentern, alten (und neuen) Seilschaften, alten (und neuen) subventionierten (Staats-)Künstlern wieder feilgeboten ... diesmal gleich der ganzen Welt.

Sexy ? Vielleicht ! Aber eben auch arm. Und deshalb sorge man dafür, sofern man nicht in der Lage ist, einen guten Job im (Polit-)Entertainment zu finden, auch wieder "städtetechnisch" den Absprung zu schaffen.

Auf das man "davon" seinen Kindern erzählen könne... sowie Mama von den Hippies und Opa vom Krieg ... ;-)


contra

Montag, 24. März 2008, 01:01:34

Lutz Jansen aus Hannover: Das reicht nicht

Tut mir leid Herr Wagner, aber dass reicht nicht. Da kann man noch so viel Lokalkolorit präsentieren, das alleine macht eine Stadt für Investoren und High Potentials noch nicht interessant.

Es stimmt - Berlin lockt z.Zt. viele kreative junge Leute aus dem In- und Ausland an. Große Stadt mit niedrigen Lebenshaltungskosten - warum auch nicht. Das Problem ist nur, dass die meisten wieder schnell verschwinden, sobald sie denn erst erfolgreich sind.
Tatsächlich: An einigen Stellen ist es wirklich toll, was Sie in Berlin mit unserem Geld gemacht haben. Aber für eine wirkliche Metropole reicht das nicht. Gut so! Die etwa 50 Jahre in denen (West-)Deutschland keine solche hatte, gehörten ökonomisch zu den erfolgreichsten unserer Geschichte.


pro

Sonntag, 23. März 2008, 18:49:10

Clemens Fuhrmeister aus Halle (Saale): Die Repräsentation Deutschlands

Berlin ist unsere Hauptstadt, der Sitz unserer Regierung und somit präsentiert Berlin Deutschland vor der Welt. Was bliebe uns da anderes übrig, als diese Stadt "sexy" darzustellen? Wie stehen wir vor den anderen europäischen Staaten da, wenn alte DDR Klötzer das Stadtbild zerstören.

Das eine Stadt nicht nur aus Altbauten und Prunkvillen bestehen kann, ist dabei sicherlich jedem klar.
Da Berlin nun durch die Teilung sehr leiden musste, und die großen Firmen auch nach der
Wiedervereinigung nicht an Investitionen in der Hauptstadt dachten, müssen wir diese Stadt fördern, auch wenn es Geld ist das sie nicht selbst einnimmt.
Überhaupt kann man die Stadt nicht mit dem Ruhrpott vergleichen, denn die wirtschaftlichen Vorraussetzungen sind ganz andere.
Hoffnungen setzten die Berliner in den neuen Technologiepark. Interesse an diesem haben unter anderem auch Solarfirmen angemeldet.


neutral

Sonntag, 23. März 2008, 12:04:30

Jens Schmidt aus Frankfurt am Main: Was Frank Goosen da beschreibt, ist kein Spezifikum von Berlin.

Vermutlich hat er noch nie in einem Ruhrgebiets-Lokal ein Hauptgericht für über 15 EURO bestellen wollen, und der Kellner ist zehnmal an ihm vorbeigelaufen?! Und sich gewundert, dass es das Lokal nach zehn Jahren immer noch gibt. Wo das zahlungskräftige und entsprechend verwöhnte Publikum rarer ist, "leistet" man nicht so gerne "Dienste", sondern agiert mehr "von Gleich zu Gleich".

Und falsche Bescheidenheit ist auch nicht die Sache der Ruhrgebietler, die es beruflich, freilich mehr als solide Angestellte denn als windige Bohemiens, zu etwas gebracht haben - die auffälligen Nadelstreifen und dicken Aktenkoffer sprechen Bände. Klar - in Hamburg gibt es so viel "altes Geld", dass es uncool wäre, damit anzugeben.

Gut verstehen kann ich den Unmut, dass Berlin das Geld hinterhergeworfen bekommt und als Dank schon seit Preußens Zeiten auf den "kulturlosen wilden Westen" herabschaut. Das ist wirklich ungerecht, denn der Pott würde sich z.B. auch über ein paar schöne Bahnhöfe freuen.


contra

Sonntag, 23. März 2008, 11:36:51

Bernd Michalski aus Düsseldorf: Grauenvoll selbstgefälliges Geplänkel, alle beide

Just for the records: Bin seit langem Berlin-Fan.

Zu Herrn Professor: Toll, dass man mit Begriffen wie "Eventindustrie" gleichwohl Dozent für Volkswirtschaft sein kann.

Und wenn der nette Kiez in Wilmersdorf zum Modellfall für das alternde Deutschland hochgeschwurbelt wird, nun ja - das lassen wir mal so stehen. (Bis es sich, modellhaft alternd, erstmal wieder hinsetzen und verschnaufen muss.)

Zum gefälligen Literaten: Was haben wir da nun erfahren, außer dass er ein gewisses Talent zu Witzigkeiten hat? Wie bedeutend ist, ob ausgewählte Kleinst-Kneipen-Milieus ein bestimmtes Lebensgefühl "richtig" oder "falsch" zur Darstellung bringen? Und was die "Bezirks-Zuständigkeit" der Eingeborenen angeht: Als ob ein typischer Bochumer auch nur für'n Groschen weltläufiger wäre. Der nimmt es an Wurstigkeit mit jedem Berliner locker auf. Aber übermäßig stolz muss man darauf bestimmt nicht sein, oder?

(PS: Habe meine Jahre 1 bis 33 in Bochum verlebt. Und bin oft mal nach Berlin geflüchtet...)


neutral

Sonntag, 23. März 2008, 11:29:34

Klaus Stefan Meier aus Hamburg: "Arm aber Sexy" reicht sicher nicht - Hauptstadt Deutschlands schon

Ich denke, solange sich Herr Wowereit auf das Eröffnen öffentlicher Toiletten und das Trinken von Champagner aus Damenpumps reduziert und ansonsten den Slogan "Arm aber Sexy" propagiert, wird Berlin auch in diesem armseligen Bild erscheinen.

Aber vielleicht findet sich irgendwann ein Bürgermeister, der sich der Bedeutung seines Amtes in der Hauptstadt Deutschlands bewusst ist und dieser Stadt ein neues, angemessenes Image verpasst.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Berlin als Hauptstadt eines wirtschaftlich so starken Landes keinen Vergleich scheuen muss, wenn dort vernünftig regiert wird ... also nicht rot-rot.


contra

Sonntag, 23. März 2008, 10:55:51

Henry Jones aus einer unbekannten Stadt: Stadt auf Pump

Ich habe noch nie verstanden, wie man Berlin als "sexy" bezeichnen kann. Was heißt bei einer Stadt sexy? Schöne Stadtteile, schöne Gebäude und viele Möglichkeiten zum Ausgehen sowie Kultur?

Es mag sogar sein, dass Berlin davon einiges hat (allerdings auch einiges vom Gegenteil). Aber solange die Stadt sich dies nur leisten kann, indem sie als größter Empfänger am Tropf des Länderfinanzausgleichs hängt (mit ca. 2,9 Mrd € jährlich), heißt das für mich, dass dies keine wirkliche Eigenleistung ist. Andere Städte verdienen dieses Geld und müssen dafür mehr Rücksicht auf Firmen und Industrie nehmen, die vielleicht nicht immer so schöne Gebäude bauen.
Ohne das Geld könnte Berlin nicht weit kommen. Die Stadt ist im Endeffekt so sexy wie die Damen in Ihrer Oranienburger Straße, d.h. nur für Geld. Würde die Geldquelle versiegen, bliebe nur die Armut.


Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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