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Berlin Kreuzberg
In Ja Geiß
Kreuzberg - ewige Diva Berlins
Berlin ist groß. Erst recht, wenn man diese Stadt als Wahlheimat hat. Die Wahl eines Bezirks in Berlin ist wohl auch Ausdruck einer Lebenseinstellung. Hier die Meine: eine Liebeserklärung an die wundersame Tante Kreuzberg.
Kreuzberg – die ewige Diva Berlins
Manchmal sieht sie müde aus. Alt und abgeblüht ihre Haut unter grellbunter Schminke, aufgetragen, als gäbe es noch einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Spätestens mit dem nächsten Regenguss ist der dichte Schein der Farbe wieder erloschen, zurück bleibt die ertrunkene Zigarettenkippe zu ihren Füssen.
Hier und da wird sie gefragt, warum sie immerzu diesen kurzen Rock trägt, welcher mehr entblößt als er verheißungsvoll verdecken könnte. Ihr Gestell zeigt sich wie es ist, geformt durch die Bewegung der sie berührenden Ankömmlinge, die sie in Trab halten, sie zwingen, sich ihnen anzupassen, sie nach vorne und nach hinten schubsen, Zerfall und Neuanfang aus allen Himmelsrichtungen, sie muss laufen, immer ein Stück mitgerissen von all jenen, die sie verlassen und doch bleibt sie zurück.
Es ist immer wieder das Licht, das ihre wahre Schönheit zeigt, sie ist die Einzige, deren Falten im Schein des Sonnenlichts verblassen, deren spröden Risse im Wind der Nacht gestreichelt und liebkost werden; sie ist nicht anspruchsvoll, ist es noch nie gewesen und doch findet ein jeder einen Platz in der weiten Wüste ihrer Seele.
Ihr Glas steht auf der Theke, ist es halbvoll, halbleer? Sie fragt nicht danach.
"Es gibt Seiten an mir," gurrt sie in ihrer vom Gebrüll der Straße rau gewordenen Stimme,
"die musste halt suchen gehen. Die kannste nich gleich sehn."
Sie lehnt sich zurück. Auffordernd und bereitwillig ihren Körper zur Schau stellend, was sollte sie auch verstecken, es gibt nichts zu holen, was nicht bereits auf der Straße liegen würde und doch sind es geheime Schätze, die sich beim näheren Betrachten plötzlich strahlend offenbaren, die sie Dir mit einem lauten Lachen vor die Nase hält, triumphierend und aufreizend ihren roten Mund öffnet und dann schnappt sie zu, dreht sich um, nicht ohne noch einen Kuss in die Luft zu hauchen, sie schenkt Dir den Anblick ihres langen Nackens, ihrer wiegenden Hüften, welche von dem dünn gewordenem Stück Stoff umspannt werden; es ist die nackte Begegnung, die berührt, manchmal sogar sprachlos macht.
Man möchte traurig sein können über ihr müdes Lächeln und die tiefen Ränder unter ihren Augen und doch darf man ihr das nicht antun - sie verlangt zu leben, solange sie kann.
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