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"München ist die perfekte Art, sich zu erholen"
Die Sportfreunde Stiller zeigen ihre Stadt: Ein Rundgang durch Cafés und Trendviertel. Auf der Suche nach sympathisch ranzigen Clubs.
Georg Meck
Bionade oder Weißbier. Das ist die Frage. Sie trennt an diesem Nachmittag die drei Musiker der "Sportfreunde Stiller", die sich in ihrer Lieblingskneipe verabredet haben, um ihre Gewinner-Stadt zu zeigen. "Vereinsheim" nennt sich das Lokal in der Schwabinger Occamstraße. Die Umgebung ist schwer münchnerisch: die Freiheit ist nicht weit, nebenan liegt das Lustspielhaus, nicht weit davon das Veteranenkabarett der "Lach und Schieß". Gekocht wird zugunsten der Obdachlosenzeitung, (das Curry zu zwei Euro), gewählt wird rot-grün.
Getrunken wird, wie schon erwähnt, Bionade oder Weißbier, zum Glück nicht gemischt. Wer gern am Tresen philosophiert, mag darin ein Zeichen sehen für das Lebensgefühl der Stadt, die ökologisch korrekte Gemütlichkeit. Die "Grüabigkeit", wie Peter Brugger, Sänger der Band, sagt. Die selbstgefällige Grantigkeit, die keine Argumente braucht und die den Hass der Nicht-Münchner auf sich zieht. Sollen die ruhig mäkeln. München ist schön. München ist wohlhabend. München wächst. Die Sportfreunde sind im Reinen mit sich und ihrer Stadt. Den Oberbürgermeister, dem wir auf einem vergilbten Wahlplakat begegnen, nennen die Indie-Rocker einen "feinen Kerl". Sozialdemokrat Christian Ude fuhr vorigen Sonntag eine Mehrheit ein, wie es sich in Bayern ansonsten nur für die CSU gehört. 15 Jahre regiert er nun die Stadt, ein Münchner Wahrzeichen sei der SPD-Mann, findet Bassist Andi Erhard. Im Englischen Garten, einem anderen Erkennungszeichen der Stadt, zieht das Getier am See wintermüde die Runden. Auf der Wiese gegenüber dem Seehaus, einem überaus beliebten Biergarten, üben die ersten Freizeitkicker.
Wenn Klinsi kommt, wird der FC Bayern sympathischer
Fußball ist ein Argument für München. Ein Standortfaktor kaum minder als BMW, Siemens oder Allianz, sagen die Sportfreunde, immerhin die amtierenden Stadtmeister unter den Freizeitkickern. Im Sommer kehrt Klinsi als Trainer heim in die Stadt, und die Pop-Band fürchtet schon, der Angehimmelte störe das Provokationspotential des Rekordmeisters, schließlich kokettieren sie in ihrer Szene auch mit dem FC-Bayern-Gefühl: "Neid muss man sich erarbeiten."
Der Fußball bestimmt wenn nicht das Leben, so doch die Karriere der Sportfreunde. Stolz trägt die Band den Namen ihres Jugendtrainers. Seit der Weltmeisterschaft, als sie mit der Nationalelf das Lied zur Party gesungen haben ("54, 74, 90, 2006"), üben Schulchöre ihre Lieder. Omas wollen plötzlich Autogramme, genauso wie Kindergartenkinder. Die Zielgruppe hat sich erweitert, die Sportis erreichten nationalen Rang. Und wegziehen kommt nach wie vor nicht in Frage. "Wir gehören hier zum Stadtbild." Dabei ist nicht allzu viel übrig von der Musikhauptstadt München. Dieser Teil der kreativen Klasse hat sich verflüchtigt. MTV sitzt längst in Berlin, die Plattenfirma Virgin ist weg, von Sony BMG bleiben auch nur traurige Reste. Zeitweise zog nach Berlin, wer etwas auf seine Coolness hielt. "Die kommen alle zurück", sagt Schlagzeuger Florian. "Ich bin mir sogar sicher: Es kommen mehr zurück, als je weggegangen sind." Das würde zumindest die steigenden Immobilienpreise erklären, mit denen spielt München weit jenseits der Hauptstadt-Liga.
München fehlen die "sympathisch-angeranzten Clubs"
Muffige Ecken, wie in anderen Städten, wo sich zuerst das junge, hippe Volk ansiedelt und mit einigem Abstand die Besserverdiener folgen, existieren in der bayerischen Hauptstadt nicht. Steht irgendwo ein Altbau leer, wird der schneller und teurer saniert als anderswo. München macht erst ab einem gewissen Einkommen Spaß. Im Moment zieht, wer es sich leisten kann, gerne ins Glockenbach-Viertel; die Isar ist nicht weit, Cafés finden sich reichlich. Nur die "sympathisch-angeranzten Clubs", wie Sportfreund Andi sie mag, hat München auch dort kaum zu bieten. Als Favoriten präsentiert die Band das Backstage, das Feierwerk, das Cord und – nicht zu vergessen – das Atomic Café, unweit des Hofbräuhauses, ein magischer Ort für die Sportfreunde: Ihr Manager, Marc Liebscher, hat dort einst als einer der ersten im Land Britpop aufgelegt. Die späteren Popstars haben dort vor zehn Jahren als Aushilfen Gläser gespült, so will es die Legende. Heute füllen sie bei ihren Heimspielen die Olympiahalle mit ihren 12000 Plätzen. Seit Musik im Netz nichts mehr kostet, verdienen Pop-Stars ihr Geld wieder mit Handarbeit auf der Bühne.
80 Konzerte spielen die Sportfreunde im Jahr, entsprechend häufig sind sie unterwegs. "Andere Städte vibrieren mehr, bieten ein heißeres Nachtleben", haben sie dabei festgestellt. "Aber München ist die beste Art, sich zu erholen." Die Berge, die Seen, die Grillfeste entlang der Isar zählen sie als Vorzüge ihres Rückzugsgebietes auf. "Und wo gibt es eine bessere Boccia-Bahn als im Olympia-Park?" Diese Lust auf München lassen sie sich nicht verderben, schon gar nicht von jener Schicht, die in den achtziger Jahren als "Schicki-Micki" in den Katalog der Hassfiguren eingeführt wurde. "Leute ohne Style" nennen die Sportis diese Szene abschätzig. "Nicht mal ignorieren", haben sie als Losung ausgegeben. Unbedingt zu meiden sind daher jene vermaledeiten Orte, wo "das Gschwerl 8 Euro für das kleine Weißbier zahlt".


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