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Wir waren mal wer
Siemens, Deutsche Bank und AEG: Die Wirtschaftshauptstadt Deutschlands hieß einmal Berlin. Heute treffen sich Beamte und Bohème am Prenzlauer Berg.
Carsten Germis
Heike Blankenhorn sitzt in einem der vielen Cafés in der Kastanienallee im Zentrum Berlins. Die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen wärmen die Stadt. "Das ist die Umgebung, in der ich kreativ sein kann", sagt die Werbetexterin. Überall sitzen junge Menschen an den Tischen. Ein Drittel der Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre - damit ist Berlin eine junge Stadt. "Berlin ist angesagt, gerade bei jungen Leuten, die neugierig sind, die etwas bewegen wollen", sagt die Texterin. Deswegen sucht sie hier etwas abseits der Touristenpfade ihr neues Büro.
Jeder zehnte Erwerbstätige der Hauptstadt arbeitet heute schon wie Heike Blankenhorn in der – wie Ökonomen es nennen – Kreativwirtschaft. Damit gibt es in Berlin mehr Hirnarbeiter als klassische Malocher im verarbeitenden Gewerbe. Die Branche wächst rasant. Die Zahl der Erwerbstätigen mit kreativen Tätigkeiten hat sich in Berlin in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent erhöht. Sie ist damit doppelt so stark gestiegen wie in den anderen großen Städten.
Menschen wie Heike Blankenhorn hatte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit wohl im Blick, als er dieser Tage bei der Vorstellung einer neuen Werbekampagne für die Stadt seine Träume für die Zukunft offenbarte. "Berlin ist das Dorado für all jene, die ein inspirierendes Umfeld suchen, um auf die richtigen Ideen für ein erfolgreiches Projekt zu kommen", sagte er. Berlin sei in zehn Jahren nicht mehr nur das "Mekka der kreativen Klasse, sondern schafft mit der Kreativwirtschaft auch Perspektiven für alle".
Deutsche Bank, Dresdner Bank, Versicherungen - Mitte der 20er Jahre hatten alle ihre Zentrale in Berlin
Dahinter steckt die Hoffnung, Berlin könne auch wirtschaftlich wieder die Bedeutung bekommen, die die Stadt vor 1945 hatte. Nicht nur kulturell war die Stadt damals das Zentrum Deutschlands. Mitte der zwanziger Jahre waren hier 51 Prozent der Erwerbstätigen in Industrie und Handwerk beschäftigt, 30 Prozent in Handel und Verkehr. Die Deutsche Bank, die Börse, die Dresdner Bank, die Commerzbank, die großen Versicherungen – alle hatten ihre Zentrale in Berlin. Die Stadt war das Zentrum des deutschen Geldverkehrs mit internationaler Bedeutung. In 3200 Bankniederlassungen arbeiteten 50.000 Angestellte. Drei Viertel der Aktiengesellschaften hatten ihren Sitz in Berlin.
Noch heute erinnern die Namen an diese Zeit wirtschaftlicher Blüte. Tief im Westen der Stadt liegt der Stadtteil Siemensstadt. 1847 hatten Werner Siemens und Georg Halske ihre eigenen Patente genutzt und die Telegraphen-Bauanstalt gegründet. Das Unternehmen wuchs so rasant, dass der bald größte Elektrokonzern Deutschlands um die vorletzte Jahrhundertwende seine ersten Fabriken in den damaligen Speckgürtel der Hauptstadt baute. Im Zentrum gab es keinen Platz mehr für neue Fabriken.
August Borsig baute Lokomotiven in Tegel
Der Lokomotivbauer August Borsig – die zentrale Figur der Industrialisierung – baute seine Lokomotiven in Tegel. Die AEG, von Emil Rathenau 1883 auf der Basis der neuen Glühfadentechnologie von Thomas Edison gegründet, zog nach Oberschöneweide, Daimler-Benz nach Marienfelde. Berlin entwickelte sich in dieser Zeit zum bedeutendsten Standort des verarbeitenden Gewerbes zwischen Paris und Moskau.
Mit der Teilung Deutschlands rückte Berlin aus dem Zentrum an den Rand. Allein bis 1950 wanderten 320 Industrieunternehmen mit ihrem Hauptsitz in den Westen. Siemens ging nach München, AEG, die Banken und die Börse nach Frankfurt, die Versicherungsunternehmen nach München, Köln oder Hamburg. Im Westteil Berlins blieben hochsubventionierte "verlängerte Werkbänke" zurück, mit niedrig qualifizierter Arbeit vor allem in der Montage.
Nach dem Mauerfall erwarteten viele den Wiederaufstieg
Im Taumel des Mauerfalls 1989 erwarteten viele, dass Berlins Wiederaufstieg zur wirtschaftlichen Metropole unmittelbar bevorstünde. Die Entscheidung von DaimlerChrysler Services und Sony, am Potsdamer Platz riesige neue Verwaltungsgebäude zu bauen, die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 und die Entscheidung des Bundestags, Regierung und Parlament wieder nach Berlin zu verlegen, verstärkten diese Hoffnungen. Doch die meisten Konzernzentralen blieben in Westdeutschland – und Mitte der neunziger Jahre gingen die Hiobsbotschaften weiter. Kodak ging 1993, Bechstein lieferte nach 140 Jahren den letzten Berliner Flügel aus und verlagerte die Arbeitsplätze nach Osten. Die Ost-Berliner Industrie brach zusammen. Die Zahl der Industriearbeitsplätze Berlins sank zwischen 1991 und 2001 von knapp 300.000 auf 123.000.
Berlin hängt die anderen deutschen Großstädte nur beim Tourismus ab
Nur beim Tourismus hat Berlin die anderen deutsche Großstädte mittlerweile abgehängt. Wer "Unter den Linden" flaniert, hört Italienisch, Spanisch, Englisch, Japanisch und trifft überall auf Touristen mit Stadtplänen oder Reiseführern in der Hand. 170.000 Berliner leben mittlerweile vom Tourismus. Berlin ist heute das wichtigste touristische Ziel Deutschlands vor Hamburg und München. "Im Vergleich der europäischen Metropolen steht Berlin nach London und Paris auf dem dritten Platz vor Rom", heißt es im Jahresbericht 2007 von Wirtschaftssenator Harald Wolf.
Wolf weist gern auf den mit Subventionen gepäppelten Technologie- und Wissenschaftspark Adlershof, direkt neben dem geplanten neuen Großflughafen der Stadt, wenn er von der industriellen Zukunft Berlins spricht. Rund 750 Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Rund 21.000 Arbeitsplätze sind entstanden. Auch größere Unternehmen zeigten wachsendes Interesse an Adlershof und wollten vom Nebeneinander von Forschung, Erfindern und Unternehmen profitieren. In der kommenden Woche zieht die Solarfirma Solon AG hierher und will 400 Leute beschäftigen.
Der öffentliche Dienst schafft immer noch die meisten Arbeitsplätze
Zwei echte Erfolgsstorys haben die drei Samwer-Brüder in Berlin verwirklicht. Zunächst gründeten sie ein Internet-Auktionshaus, das nun Ebay als Deutschland-Niederlassung dient. Die zweite Gründung heißt Jamba: Ein Produzent von Handy-Klingeltönen, der inzwischen zum Reich des Medienzars Rupert Murdoch gehört. Eine Zeitlang konnten die drei Samwerbrüder für sich beanspruchen, die meisten Arbeitsplätze in Berlin geschaffen zu haben. Nach dem öffentlichen Dienst. Das ist ein Satz dem man in Berlin immer dazu sagen muss.
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