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Wo die Nacht lebt. Ein Selbstversuch
Die kreative Klasse geht gerne aus. Doch wo sind Bars und Clubs am besten? Wir haben Stuttgart, Hamburg und Frankfurt getestet.
Nadine Oberhuber und Lisa Nienhaus
Stuttgart
Der Donnerstagabend und dann noch Stuttgart? Die Kollegen sehen uns mitleidig an: Stuttgart, das sind Museen und Barockorchester. Natürlich fallen einem die Fantastischen Vier ein, aber die leben nicht mehr dort. Hier ausgerechnet an einem Donnerstag die Szene zu suchen? Das muss doch schiefgehen. Geht es aber nicht.
Das Wochenende beginnt donnerstags
Schon auf der Straße marschieren etliche Ausgehtrupps an uns vorbei. "In Stuttgart fängt das Wochenende eben schon donnerstags an", sagt der Dunkelhaarige später an der Bar und prostet uns zu. Wir sind im Barcode gelandet. Auf den kantigen Ledersofas lümmeln sich Paare und Grüppchen. Sie schlürfen auf Designerstühlen Prosecco auf Eis und "Schlappeseppel", Landbier aus der Flasche. An der Theke bedient "Der King", so steht's in Goldbuchstaben auf seinem engen T-Shirt. Müsste aber nicht extra draufstehen: Man kennt sich hier sowieso.
Danach wird's heiß: Donnerstag ist Salsa-Party im 7 Grad. Die gefühlte Temperatur liegt eher bei 37 Grad. Auf den Sitzwürfeln hält es keinen lange. Jeder mit jedem, das ist die Devise der Latin-Dancebar. Nirgendwo sonst drehen um diese Zeit mehr Frauen in ärmellosen Shirts so gewagte Pirouetten, und nirgendwo sieht man mehr Männer so schön rhythmisch und dramatisch leiden. Gegen das Bravo Charlie ist das aber nur ein Aufwärmtraining. Im Flugzeug-Club über drei Etagen steigt die angesagteste After-Work-Fete der Stadt. Donnerstags treffen sich unten die PR-Leute und Anwälte, Jungmanager und die, die es noch werden wollen, zu Crodino und Sanbitter.
Karaoke bis in die Morgenstunden
Wir wollen danach direkt ins Bett - den In-Club Stuttgarts, der uns auf seiner Website eine Siebziger-Jahre-Party verspricht. Als wir aber um zwei Uhr dort aufkreuzen, haben die Betreiber schon das Licht ausgemacht. Wie sich Stuttgart eine "Funk Infusion" setzt, wissen wir deshalb nicht. Dafür zieht uns lautes Gejohle nach nebenan in Laura's Cafe. Wir landen in einer schrägen Karaoke-Party unter Regenbogen-Flaggen, singen mit gepiercten Jungs "Über sieben Brücken musst du gehen" und staunen, wie viele Freunde man in einer Stunde gewinnen kann. Die letzte Station ist das Tonstudio. Es ist chronisch überfüllt und deshalb streng bewacht. Hier spielten einst die Fanta4 ihre ersten Platten ein. Heute ist es eine Disco, und die nimmt alle Unermüdlichen der Nacht auf. Die DJs legen Techno, House und Electro-Musik auf. Wir tanzen bis morgens und wundern uns: Den "Ausweg aus der Langeweile" wollte uns einer der Clubs der Stadt zeigen. Wir haben die Langeweile in Stuttgart nicht gefunden. Nicht einmal donnerstags.
Hamburg
Unsere Erwartungen an den zweiten Abend sind groß, denn Hamburg gilt sowohl Draufgängern als auch Spießern als Zentrum des Amüsements. Der Abend beginnt mit einem Klischee: mit Regen und ziemlich kalt. Anderswo wäre man zu Hause geblieben. Hier nicht. Mit Kapuze und eng an die Hauswände gedrückt, arbeiten sich die Nachtschwärmer die Straßen um die Sternschanze entlang.
Heimelig, sympathisch und gediegen
Wir gehen ins rot schimmernde Le Fonque, wo wir uns die letzten Plätze auf dem abgewetzten Oma-Sofa sichern. Die Kneipe ist heimelig, die Musik eine Mischung aus Funk und Jazz, das Astra kostet nur zwei Euro. So stellt man sich Hamburg vor: heruntergekommen, aber sympathisch. Der nächste Stopp ist die Sofabar oder auch Zoe II. Es ist die jüngere Schwester des legendären Zoe auf dem Kiez, in dem Teile des Films "Gegen die Wand" spielten. Dumm nur, dass man hier das Rauchverbot ignoriert. Die Luft ist trübe vor Rauchschwaden.
Danach per U-Bahn zum Kontrastprogramm. Die Bar 20up liegt im 20. Stock eines Hafenhotels, ist rundum verglast und würde einen tollen Ausblick bieten, wenn es nicht regnen würde. Sie ist überfüllt mit Menschen, die auch in der Freizeit Anzüge tragen und eher gediegen sind als hip. Das wäre auch einmal angenehm, wenn da nicht das unfreundliche Personal wäre.
Tanzen an der Reeperbahn
Es ist sowieso längst Zeit zum Tanzen. Im Neidclub an der Reeperbahn treffen sich Hiphopper, die das Käppi schräg aufgesetzt tragen und über Beats und Styles philosophieren, mit den schönsten und coolsten Frauen der Stadt. Die Hälfte der Menschen ist schon fast zu kreativ, um sich für gewöhnliche Jobs zu interessieren. Egal. Die Musik macht tanzwütig. Die DJs wechseln ständig. Einer von ihnen ist Denyo, bekannt als Mitglied der Hamburger Hiphop-Band Absolute Beginner. Als Zuschauer ist sein Bandkollege Jan Delay gekommen, den man hier erkennt und in Ruhe lässt.
Es folgt ein Abstecher in eine grausame Bar an der Reeperbahn, in der BHs über der Theke hängen und Männer debil die Frauen anstarren. Das ist wohl nicht die kreative Klasse, die wir suchen. Aufbruch Richtung Norden: Die Vögel zwitschern schon, als wir den Bunker neben dem Dom betreten, der in Hamburg keine Kirche, sondern eine Kirmes ist. Das Übel und Gefährlich sieht innen so aus, wie es heißt. Gut ein Drittel der Gäste ist schon jenseits von Gut und Böse. Alle tanzen zu Electro und Hiphop. Das Alter schwankt zwischen Abi- und Ü30-Party, die Stimmung auch. Ein sehr feiner Ausklang für einen sehr unterhaltsamen Abend. Das Fazit: Hamburg ist noch besser als sein Ruf.
Frankfurt
In Frankfurt arbeitet man, da wohnt man nicht, sagen viele. Wie also feiert man hier? Wir suchen die nachtaktiven Kreativen zuerst in Sachsenhausen. In der Apfelweinkneipe. Die ist längst wieder originell. In Gaststätten wie dem Wagner sitzen sie alle: vom Szenegänger bis zum Japaner. Die 500 Plätze sind voll. Und nur eines mögen die Ober gar nicht: wenn Anfänger hier keinen Äppler, sondern Bier bestellen. Das gibt's nämlich nicht.
In der Sandbar finden wir sie: die Szene. Die Hälfte der Leute sieht so aus, als hätte man sie schon mal irgendwo gesehen. Auch die stylishe Bar wirkt wie viele andere auch. Überraschungen erlebt man nur, wenn vor der Kneipe die ersten Betrunkenen auf die Raucherbänke plumpsen und über Gott und die Frau philosophieren.
Gute Laune - nur nicht unbedingt in Frankfurt
"The message is Gude Laune", diese Parole hat die Frankfurter Partygröße Sven Väth mal in breitestem Dialekt ausgegeben. Es sind aber ausgerechnet die Ortsfremden, die in Frankfurt für Stimmung sorgen: Zwei Jungs von der Küste haben vor einem Jahr Das Nord eröffnet. Sie beweisen, dass man eine Kneipe auch ohne Innenarchitekten originell einrichten kann, wenn man Mustertapeten und Rehgeweihe aufhängt. Wer dann noch den Friesentequila probiert, der eigentlich ein Doornkaat ist, in dem eine Frikadelle schwimmt, möchte am liebsten nicht mehr weg.
Dem Ruf von Sven Väth sind wir dann doch noch gefolgt, in den Cocoon-Club, den Edel-Techno-Schuppen im Ostend. Wie in einem Raumschiff thronen die DJs mit ihrem Mischpult hoch über der Tanzfläche und beamen das Volk, das unten in Glitzerhosen und Stroboskoplicht zappelt, in eine andere Welt. Vielleicht beamt es sie direkt zur "Guden Laune", vielleicht auch in eine andere Stadt. In eine, in der die gude Laune ein bisschen eher zu Hause ist: Hamburg und Stuttgart zum Beispiel.
Die Bilanz einer Nacht
Wie groß war das Clubangebot?
Stuttgart: 4 Punkte
Hamburg: 5 Punkte
Frankfurt: 2 Punkte
Wie waren die Leute?
Stuttgart: 5 Punkte
Hamburg: 3 Punkte
Frankfurt: 2 Punkte
Wie lange haben wir getanzt?
Stuttgart: 4 Punkte
Hamburg: 5 Punkte
Frankfurt: 3 Punkte
Gesamtwertung
Stuttgart: 13 Punkte
Hamburg: 13 Punkte
Frankfurt: 7 Punkte
Völlig überraschend, aber: Stuttgart liegt gleichauf
mit Hamburg. Dabei war Stuttgart die Stadt, von der wir am
wenigsten erwartet hatten. Dass man in Hamburg feiern kann
(ebenso wie in Berlin), hatten wir geahnt und gehofft. Frankfurt,
meinen wir, muss da noch nachziehen.
Kommentare
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Emmanuel Declerq schreibt: Überflüssige Untersuchung ...
... für eine hedonistische Generation.
Was als ein durchaus interessantes Ranking anfing treibt langsam seltsam überflüssige Blüten, wie der Beitrag hier, der mir eher wie eine Beschäftigungstherapie erscheint. Substanzielles = NULL. Was soll das bitte? Ist das jetzt die neue FAZ? Sind wir hier bei Explosiv, Blitz oder wie das immer noch heißt im Abendprogramm drittklässiger Fernseh-Sender.
Unglaublich!!!!!