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Montag, 23. November 2009

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"Stadtluft macht frei"

Interview

Thomas Straubhaar

Adrette Einfamilienhäuser im Grünen führen dagegen zu elitären Parallelgesellschaften - sagt Thomas Straubhaar, der Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

Herr Straubhaar, Sie sind Schweizer und leben in Hamburg. Passt das?

Passt gut. Hamburg ist mein Zuhause, die Schweiz ist meine Heimat, und Europa prägt mein Denken.

Was macht das Leben in der Stadt attraktiv?

Die vielen Optionen.

Auch wer nie in die Oper geht, will sicher sein, in die Oper gehen zu können.

So ist es. Das genau ist Lebensqualität. Das gilt nicht nur für die Oper, sondern auch für die Fülle der urbanen Möglichkeiten, der Nutzung der Infrastruktur und der Daseinsvorsorge. Und das erklärt exakt, warum das Leben in der Stadt heute wieder so beliebt ist.

Lange galt die Stadt als Moloch, unwirtlich und kalt, kein guter Ort.

In der Antike und im Mittelalter war die Stadt ein Marktplatz für alle. Stadtluft macht frei, hieß die Devise. Seit der Industrialisierung sind die Städte vielfach hässlich geworden; das Leben der Menschen verlor ihr Zentrum. Heute leben wir in einer Welt der Dienstleistungen. Da wird die Stadt wieder enorm attraktiv: Kurze Wege, räumliche Nähe sind Bedingungen für persönliche Kommunikation, damit Informationen schneller und besser fließen. Wir sind heute wieder im Mittelalter angekommen.

Woher weiß der Ökonom, wie die Kreativen leben?

Seit den 70er Jahren ist bekannt: Das vorhandene Humankapital bestimmt den Wachstumspfad einer Region. Kluge Leute lassen sich da nieder, wo schon andere kluge Leute sind. Das ist ein Brain-Cluster: Wenn eine Stadt es geschafft hat, als attraktiv zu gelten, dann wird sie auch lange attraktiv bleiben. Früher hieß es "People follow jobs"; für die Kreativen gilt umgekehrt: "Jobs follow people".

Die Kreativen wollen unter sich bleiben?

Das eben nicht. Sie ziehen ja gerade der Vielfalt wegen in die Städte, damit sie dort nicht nur unter ihresgleichen bleiben, sondern in der Nachbarschaft von Künstlern oder Fremden leben, Menschen anderer Milieus eben.

Das Mittelmanagement von Daimler oder Siemens wohnt nach wir vor in den hübschen kleinen Einfamilienhäuschen an den Rändern der Stadt.

Wer sagt denn, dass das Mittelmanagement von Daimler oder Siemens zur kreativen und innovativen Elite zu rechnen ist? Schon Adam Smith wusste, dass homogene Gruppen meist zur Kartellbildung neigen. Die treffen sich dann nicht nur zum gemeinsamen Grillen oder zum Kaminabend, sondern hecken ein Komplott aus gegen das Gemeinwohl. Das können auch Kartelle der sozialen und gesellschaftlichen Abgrenzung sein. Allzu viel Vertrauen im eigenen Milieu führt zu Vetternwirtschaft und zu Ausgrenzung jener, die anders sind oder anders leben wollen.

Das ist starker Tobak. Sie behaupten, dass die Vorstädte am Taunusrand, wo die Banker wohnen, oder die Promenaden der Reichen am Starnberger See nicht zu den kreativen Orten zählen?

So ist es. Nichts ist langweiliger als ein abgeschlossenes Kondominium, wo die Leute unter sich bleiben.

Viele Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder in Schulen mit 90 Prozent Ausländern aus der Unterschicht unterrichtet werden.

Das ist ja auch völlig verständlich, legitim und überhaupt nicht unanständig. Es geht hier um Wohnorte, Orte der Einkommensverwendung also. Ich behaupte nur, dass die Orte der Einkommenserzielung, also die Arbeitsstätten, Innovation nur dann erwarten lassen, wenn dort Vielfalt zugelassen wird. Wer immer nur zwischen Kronberg und dem 40. Stock eines Bankhochhauses hin und her pendelt, hat auf Dauer ein Problem.

Coole Städte - München, Hamburg, Stuttgart - sind teure Städte. Die Ärmeren können es sich nicht mehr leisten, dort zu leben.

Die Menschen sollen dort wohnen, wo sie für sich die größten Chancen sehen, ihre Lebensziele zu erfüllen. Das lässt sich nicht planen, es muss sich ergeben. Eingriffe in die Preisbildung am städtischen Immobilienmarkt bringen gar nichts. Aber klar ist auch: Größere Städte sind nicht automatisch attraktivere Städte. Da entstehen dann Kosten der Ballung, zu denen sicherlich die hohen Immobilienpreise gehören. Eine Stadt muss man sich wie einen Kegel vorstellen: In der Mitte entstehen die Hochhäuser; da müssen die höchsten Preise gezahlt werden. Je weiter Sie an die Peripherie kommen, umso niedriger sind die Immobilienpreise. Dem stehen Transportkosten in das Zentrum der Stadt gegenüber. Das war im Mittelalter genauso. Die Lichter der Stadt ziehen mehr Menschen an, als von den Lichtern dieser Stadt gewärmt werden können.

Die Leute ziehen heute von der Stadt ins Umland und wieder zurück.

Das ist ein Zyklus, der von der Einkommensentwicklung und vom Lebensalter abhängt. Man beginnt an der billigen Peripherie, rückt ins Zentrum, zieht mit Kindern ins Grüne und kommt im Alter wieder in die lebendige Stadt zurück.

Wenn die Mieten im Zentrum so hoch sind, dass sogar die Künstler fliehen, erstickt die Kreativität?

Gewiss. Dann kriegen Sie tote Städte, in denen niemand leben will, auch jene nicht, die sich die Mieten leisten könnten. Bald gibt es dort nur noch Büroraum. Wenn es so weit ist, hat die Stadt ihre optimale Größe überschritten.

Was heißt optimale Größe?

Eine Stadt muss gewährleisten, dass Vielfalt möglich ist und unterschiedliche Menschen in Zentrumsnähe wohnen können - alle, vom Millionär bis zum Hartz-IV-Empfänger.

Die Renaissance der Stadt ist also nicht gleichzusetzen mit der Renaissance der Metropole?

Überhaupt nicht. Die großen Millionenstädte haben eher Probleme. Städte haben eine optimale, keine maximale Größe. Lebendig sind Städte mittlerer Größe - wie Hamburg, Barcelona, Amsterdam oder Kopenhagen. Sie können die Stadt mit einem Club vergleichen. Solange die Grenzkosten der Zuwanderung niedriger sind als die Kosten, die Staus und Ballung verursachen, ist es okay. Wenn Fremdheit nicht mehr aufgefangen wird, entstehen Parallelgesellschaften. Auch Eliten können zur Parallelgesellschaft werden, wie man heute sieht.

Sind London oder New York etwa nicht mehr erfolgreich?

So weit würde ich nicht gehen. Aber schauen Sie: Richtig innovativ waren in den letzten Jahrzehnten eher Boston, das Silicon Valley um San Francisco, Aberdeen et cetera. Da gibt es mehr Innovation als in New York.

Berlin ist die große Ausnahme. Da ist extrem viel Kreativität, aber wenig Produktivität. Wie erklären Sie das?

Berlin ist ein hochattraktiver Magnet ohne starke Wertschöpfung. Berlin fällt noch aus dem Rahmen, was sicherlich historische Gründe hat. Aber warten wir ab. Vielleicht liegen hier bereits die Kerne des Erfolgs von übermorgen. Denken Sie daran, dass zum Beispiel viele Medien von Hamburg nach Berlin wechseln. Das muss Hamburg zu denken geben und Berlin Hoffnung. Berlin wird seinen Attraktivitätsbonus zunehmend ausspielen.

Was können Kommunen tun, wenn sie die kreative Klasse anziehen wollen?

Die herkömmliche Standortpolitik hat ausgespielt. Eine Stadt muss vor allem für Offenheit sorgen. Sie muss offen sein für Ausländer, für Neues, für Kultur außerhalb der Norm, für unkonventionelle Bildungssysteme oder für Sicherheit der Minoritäten. Und natürlich muss die Infrastruktur gut funktionieren.

Steuern oder Subventionen spielen keine Rolle?

Sie spielen eine marginale Rolle. Menschen zahlen Steuern, wenn sie sehen, dass damit etwas Sinnvolles passiert. Wirtschaftsförderungsämter, die Steuergeschenke verteilen, werden zunehmend überflüssig. Wer will behaupten, ein städtisches Amt könne wissen, was die richtige Innovation zum richtigen Zeitpunkt ist? Die politische Schlussfolgerung daraus lautet: Auf einzelne Firmen oder Projekte zielende Maßnahmen bringen gar nichts.

Der Fall Nokia in Bochum ist ein Beleg Ihrer These.

Genau. Da ist der Begriff der Karawanenökonomie völlig zutreffend. Wer sich einmal bestechen lässt, der zieht ohne große Skrupel dahin weiter, wo er noch mehr Bakschisch kriegt.

Ich dachte, der Steuerwettbewerb macht den Städten Dampf.

Richtig, und das ist auch gut so. Die Städte sollen sagen, welche Leistungen sie zu welchen Preisen bieten. Besser als mit Steuergeschenken geht das mit verursacher- und nutzergerechten Gebühren. Denken Sie an die Citymaut. Da wird der Verkehr für die Einheimischen freigestellt, die Auswärtigen müssen bezahlen. So eine Preispolitik kann man sich auch bei den Museen und vielen anderen kommunalen Angeboten vorstellen.

Dann kann auch das Umland nicht mehr bei den Städtern schmarotzen.

Jawohl. Kommunen sollen Steuern durch Gebühren ersetzen. Solche Gebühreneinzugssysteme sind mittlerweile elektronisch völlig unproblematisch umsetzbar.

Was bedeutet für Sie persönlich Heimat?

Meine Generation misst diesem Begriff eine hohe Bedeutung bei. Heimat bietet globalen Nomaden einen Anker und einen sicheren Hafen. Aber das Gespür dafür geht langsam verloren, was ein Verlust ist. Nur wer seine Herkunft kennt, kann auch den anderen und den Fremden anerkennen. Wenn Heimat aufhört, eine räumliche Erfahrung zu sein, müssen wir neue Formen der Zugehörigkeit und Gemeinschaft finden.

Das Gespräch führte Rainer Hank.



Thomas Straubhaar - ein liberaler Schweizer in Hamburg

Während die weniger produktiven Menschen den Jobs nachrennen müssen, laufen der kreativen Klasse die Jobs hinterher: Kein Wunder, dass es für Bertelsmann in Gütersloh schwieriger ist, gute Leute zu finden als für BMW in München.

Mit der Frage, warum und wohin Menschen wandern, befasst sich Thomas Straubhaar schon seit langer Zeit: "On the Economics of International Labor Migration" war 1987 seine Habilitation überschrieben. Als Schweizer Ökonom, 1957 in Unterssen bei Bern geboren, ist Straubhaar geradezu zum Liberalismus verpflichtet: Stetig wirbt er seit Jahren dafür, die Globalisierung nicht immer nur als Bedrohung, sondern vor allem als Chance zu erkennen, die den Wohlstand der Nationen enorm verbessert.

Straubhaar hat in Bern, Basel, Konstanz und Berkeley gearbeitet. Seit 1999 ist er Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs (HWWA). In den vergangenen drei Jahren hat er das Institut, das jetzt Weltwirtschaftsinstitut heißt, auf eine private Finanzierungsbasis gestellt.

Kommentare


04.04.2008 | 18:38 Uhr
Sascha-Andre´ Liehr schreibt: Exzellente Einschätzungen!

Das Interview mit Hr. Straubhaar hat einige der treffendsten Äußerungen zum Thema Stadtentwicklung & Metropolen hervorgebracht.

Innerhalb der hochwertigen, deutschsprachigen Medien sind solche Themen nach wie vor die Ausnahme.
Die bundesrepublikanische Wirklichkeit ist über Jahrzehnte aus der Perspektive eines Flächenlandes oder Kleinstadt interpretiert worden. Dabei sind es die Metropolen der Welt, die als Innovationsmotoren und Meinungsmacher fungieren.

Global Cities, Metropolenforschung, Stadtsoziologe gehören ganz oben auf die Agenda der deutschen Feuilletons. Egal ob Spiegel, FAZ, ZDF oder deutsches Kino, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Bonner Republik nie verlassen wurde und die
"adretten Einfamilienhäuser im Grünen" nach wie vor
stilprägend sind.

Gruß aus Berlin


06.04.2008 | 15:30 Uhr
Maximimilian Beller schreibt: Der Beste Beitrag zum Städteranking

Ich fand das bisherige FAZ-Städteranking ziemlich enttäuschend. Ich bin selber Student in Hamburg und fand sowohl die Aufmachung zu gezwungen "jung und kreativ", als auch die Berichte selber ziemlich schwach und oberflächlich.

Ich kenne selbst die Clubs und Kneipen in Hamburg, die auch hier beschrieben wurden und finde den Bericht über das Ausgehen in Hamburg, München etc. völlig belanglos. Außerdem: Eine Ausgehabend ist so subjektiv abhängig von persönlicher Verfassung, den Leuten, die man trifft, dem Tag, an dem man weggeht. Der Vergleich der Städte bei Nacht hatte gar keine Basis.

Dieses Interview dagegen war sehr fundiert und Herr Straubhaar konnte mich mit seinen Thesen voll und ganz überzeugen. Ein Interviewpartner und ein Gespräch mit Niveau!


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Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

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